Tagungsbericht: „Narrating Truth“
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Life on MaRS“ hat unsere Hilfskraft Marco Keriakos in Zusammenarbeit mit Antonia Heimüller und Laura Frölich von 23.-25. Oktober 2024 die Studierendentagung ‚Narrating Truth‘ ausgerichtet, dessen Eindrücke er hier festhält.

Seit einem Jahr hat das kleine Team auf diese drei Tage hingearbeitet. Ziel war es, eine interdisziplinäre Studierendenkonferenz auszurichten, auf der Studierende der Vormoderne in professionellem und sicherem Setting ihre Forschung präsentieren und diskutieren können. Außerdem sollte der Masterstudiengang MaRS der RUB als interdisziplinärer Studiengang mit internationaler Ausrichtung mehr Sichtbarkeit erhalten. Das Echo des Call for Papers war groß; Einsendungen aus Münster, Greifswald, Wien, Bern, Göttingen und Toronto erreichten uns. Das Spektrum an vertretenen Fächern ist nicht weniger divers gefächert: Studierende der Anglistik, Germanistik, Geschichtswissenschaften, Theaterwissenschaften, Klassischer Philologie, der Sinologie wie Japanologie und der Philosophie bewarben sich um die Chance, auf der Tagung zu sprechen und sich sowie dem Publikum näher zu bringen, mit welchen Medien und Strategien in der Vormoderne – ferner Institutionen, Akteuren und Narrativen usw. – Wahrheit behauptet vermittelt und durchgesetzt wird.
Den Auftakt zu den studentischen Vorträgen leistete ein praxisorientierter und methodischer Workshop – ausgerichtet in Kooperation von Prof. Dr. Christina Lechtermann (Deutsche Literatur des Früh- und Hochmittelalters RUB), Prof. Dr. Ulrich Rehm (Kunstgeschichte des Mittelalters RUB), Dr. Henrieke Haug (Allgemeine Kunstgeschichte Universität zu Köln) sowie Christof Kleinfelder (SFB 1567 ‚Virtuelle Lebenswelten‘ RUB). Anhand der reich geschmückten Nürnberger Bilderbibel (Nürnberg, Staatsarchiv, , Cent. V, App. 34a.) erhielten die Teilnehmer*innen nicht nur Einblicke in die vielseitige Erschließung einer Handschrift anhand visueller, materieller und literarischer Aspekte, sondern auch in Methoden der digital gestützten Transkription mithilfe der Anwendung Transkribus.
Ebenfalls rundeten zwei Keynotes die ersten beiden Tagungstermine ab. So gab Prof. Dr. Manuel Baumbach (Klassische Philologie, Schwerpunkt Gräzistik RUB) in seinem Vortrag zum Thema „Lügende Musen und wahre Erzählungen – Paradoxe Wahrheitsnarrative in der antiken Literatur“ einen Rundumschlag über Wahrheitsproduktion von archaischer bis hellenistischer Literatur der griechischen Antike: Wahrheit stellte sich bereits in der Antike als mutable Variable dar, insbesondere als literarisches Verhandlungsobjekt. Den zweiten Tag rundete Prof. Dr. Kerstin Majewski (Anglistik, insbesondere Mediävistik RUB) mit ihrer Keynote mit dem Titel „Helden, Krieger, Könige: Wie die Angelsachsen Niederlagen erzählen“, in dem sie darstellte, wie die angelsächsische Historiographie in Manuskript und Inskription militärische Niederlagen zu kompensieren und erklären suchte.
Im Anschluss suchten die Teilnehmer*innen das kulturelle Wahrzeichen der Tagungsstätte Bochum auf: Das Bergbaumuseum und seinen berühmten Förderturm. „Doppelbock auf Bochum“, hieß es, als die Vortragenden unter der Leitung von Dr. Lena Asrih (Stellvertretende Leitung Forschungsbereich Deutsches Bergbaumuseum) die Sonderausstellung besuchte und die bewegte Geschichte des alten Förderturms entdeckten und im darauffolgenden Abstecher in der Dauerausstellung ihre Perspektive um die lange Geschichte des vormodernen Bergbaus – und ihrer eigenen wahrheitsproduzierenden Akteure – erweiterten. Die drei Tagungstermine sind schnell vergangen und das lag nicht nur am anregenden Workshop und den lehrreichen Keynotes, die unsere Tagung so passend gerahmt haben, sondern vor allem an den studentischen Vortragenden, die das Herzstück der Tagung bildeten.
Länder- und disziplinenübergreifend haben diese uns einen Einblick in verschiedenste Aspekte der Wahrheitsaushandlung gegeben. Ramona Blum (Medieval and Renaissance Studies Ruhr-Universität Bochum), Brian Finn (Germanistik, Italianistik und Anglistik University of Toronto) und Larissa Achermann (Geschichtswissenschaften und Digital Humanities Universität Bern) haben an den Anschauungsgegenständen des Tattoo, der Heiratsporträts und der Medizin dargelegt, wie vielfältig der Körper als ein Ort der Wahrheitsvermittlung zum Einsatz kommen kann und gekommen ist; ob zur sozialen Markierung und Stigmatisierung von Personen, als variable Funktion der Heiratspolitik oder als Medium des Transfers wissenschaftlicher Tradition in kulturelle – und wie er auch in Skepsis gerät.
Aber auch im Bereich des ‚Welt-Machens durch Sprache‘ wurde dem Publikum eindrücklich demonstriert, wie rhetorische Techniken dazu dienen, die Faktualität eines Schriftzeugnisses zu betonen; Das hat Dorothea Sichrovsky (Deutsche Philologie Universität Wien) an zahlreichen Weltchroniken quantitativ beschrieben, Anna Kristina Wand (Sinologie und Japanologie Ruhr-Universität Bochum) an einem Reisebericht durch das kaiserliche China des buddhistischen Mönchs Ennin linguistisch pragmatisiert und Anthea Ziermann (Anglistik und Philosophie Ruhr-Universität Bochum) an einer Auswahl von Hexenpamphleten des frühneuzeitlichen Englands mit Blick auf ihre Rhetorik illustriert.
Ähnliche Techniken kommen in gattungsspezifischer Art, Weise und Zielsetzung ebenso in biographischen Werken vor, in denen es gilt, Genealogie
und Merita prominenter Persönlichkeiten zu bestätigen. Vor allem zeigten dies Erik Weijs (Germanistik und Geschichtswissenschaften Universität Greifswald) an der Mecklenburgischen Reimchronik des Ernst von Kirchberg im Dienste des Herzogs Albrecht II. von Mecklenburg, Hannah Semrau (Deutsche Literatur Goethe-Universität Frankfurt am Main) am Beispiel des quasi autobiographischen Weißkunigs im Auftrag Maximilians I. und Marie Kemper (Geschichtswissenschaften und Lateinische Philologie Georg-August-Universität Göttingen) an der Franziskus-Vita des Thomas von Celano. Sie zeigten: Anerkennung und Identität – sowie ihr Wahrheitsgehalt – werden bewusst und zielgerichtet in Bezug zu anderen eingefordert und ausgehandelt.
Zum Ende der Tagung waren sich Gäste, Teilnehmer*innen wie Organisator*innen einig: Eine Verstetigung der Tagungsreihe wäre aufgrund ihrer sicheren wie zugleich professionellen Arbeitsatmosphäre zutiefst wünschenswert – die Bereicherung des regulären universitären Lehrangebots unschätzbar.
Dank bei der Unterstützung der Planung und Durchführung dieses Projekts gilt den studentischen Initiativprojekten der Ruhr-Universität-Bochum, insbesondere Dr. Andrea Koch-Thiele und Michaela Kubitzki. Des Weiteren dankt das Organisationsteam Prof. Dr. Christina Lechtermann (Deutsche Literatur des Früh- und Hochmittelalters RUB) und Stephan Köhli (Centre for Medieval and Renaissance Studies RUB), die stets unermüdlich waren, dem Team motivierend und unterstützend zur Seite zu stehen.



